Michel

Es ist das absolut schönste und emotionalste Ereignis, sein Kind in den Armen zu halten, auf das man 40 Wochen gewartet hat.

Ich denke, jede schwangere Frau hat sich mehr als ein Mal die Frage gestellt:
Wie sieht mein Kind aus? Wie groß ist es? Wie schwer? Und natürlich hofft man, daß alles dran und das kleine Wesen kerngesund ist.

Als ich wußte, daß ich mit Michel schwanger war, konnte ich mich nicht gleich freuen. Linus war gerade mal vier Monate alt (Neele, Gott sei Dank schon 12 Jahre) und ich fühlte mich absolut überfordert. Die Schwangerschaft war nicht geplant. Zumindest noch nicht zu diesem Zeitpunkt.

Bei meinem ersten Frauenarztbesuch war ich gerade mal in der 7. SSW und mich beschäftigte zu diesem Zeitpunkt schon folgende Frage:
Hat mein Kind ein erhöhtes Risiko für eine Behinderung weil ich so schnell wieder schwanger wurde?

Natürlich besteht in diesem Zusammenhang kein erhöhtes Risiko und mein Gynäkologe konnte mich schnell beruhigen. Schließlich war ich gerade mal 32 Jahre alt. Aber ich habe wohl gespürt, daß etwas anders ist.

Die Frage nach einem Abbruch konnte ich sofort verneinen. Nur weil unser Kind sich einen (unserer Meinung nach) ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht hat, hätten wir niemals daran gedacht es nicht zu bekommen.
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So vergingen dann die Monate und ich durfte eine sehr angenehme, unauffällige Schwangerschaft genießen.

Die Nackenfaltenmessung lehnten wir, wie auch bei den anderen Kindern ab. Unser Wortlaut damals war:
Es hätte für uns keine Konsequenz. Dazu stehen wir auch heute noch. Selbst wenn ich nochmal schwanger werden sollte, würden wir uns weiterhin gegen diese Untersuchung entscheiden. Wir bereuen es nicht. Und selbst wenn uns der Zufall nochmal das Down Syndrom bereit halten sollte, dann ist das so.

Genau drei Wochen vor dem errechneten Termin bekam ich morgens Wehen. Ich freute mich, denn die letzten Wochen mit einem Tragekind zu Hause waren doch mühsam. Gegen Mittag informierte ich dann meinen Mann, daß er vielleicht demnächst mal Feierabend machen müsse. Am Nachmittag sind wir noch ein paar Runden um die Klinik gelaufen, um die Wehen etwas anzukurbeln.

Die Geburt selbst verlief völlig komplikationslos und schnell. Mein einziges Problem war, daß ich unter der Geburt das Gefühl hatte, keine Luft zu bekommen.

Am 30.01.2013 um 22:04 Uhr wurde mir mein Michel auf den Bauch gelegt. Er wirkte sehr ruhig und ich wunderte mich etwas. Die großen Geschwister waren nämlich nach der Geburt alles andere als ruhig. Aber nun genoss ich es, auch mal ein ruhiges, zufriedenes Kind zu haben ;-)
Michels Augen sahen anders aus. Etwas verquollen, dachte ich. Naja, aber welches Baby sieht nach dem Weg durch den Geburtskanal schon wirklich schön aus? Michel suchte gleich nach meiner Brust und ich konnte ihn schon direkt im Kreißsaal stillen. Da ich ambulant entbinden wollte, saßen wir mehr oder weniger unsere Zeit dort ab und warteten auf die Papiere.

Wir ruhten uns also aus. Mir fielen noch Michels Hände auf und ich sagte zu meinem Mann: Von wem hat er denn diese kleinen, dicken Finger und sie wirkten schon gleich so überdehnbar. Die Fingernägel der Daumen hatten sich in die Haut gedrückt und Michel hatte zwei blutige Einkerbungen dadurch, nichts wirklich Schlimmes. Allerdings wirkte er auf mich doch sehr schlaff und auch bläulich. Mein Mann und auch die Hebamme beruhigten mich aber. Ich sagte: Er atmet doch so komisch. Er holt doch nicht tief genug Luft. Auch das wäre natürlich auf die Geburt, Fruchtwasser etc. zurück zu führen gewesen. Aber auch da hatte ich ein "Gefühl". Als ich abermals auf die Gesichtsfarbe und die Atmung hinwies, riet man mir dann, eine Nacht zu bleiben. So könne dann auch ein Kinderarzt nach Michel schauen.

Ich wurde dann also auf die Entbindungsstation gebracht, dort wurde Michel dann auch gleich vom Kinderarzt zur Untersuchung geholt. Ich lag währenddessen in meinem Bett und verschickte fleißig Nachrichten an Freunde und Familie. Mein Mann war bereits nach Hause gefahren um meine Eltern abzulösen, die auf unseren Linus aufpaßten.
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Nach etwa zwanzig Minuten ging dann die Tür zu meinem Zimmer auf. Ein Arzt und eine Schwester standen vor mir und keiner der beiden lächelte.
Sie sahen, im Gegenteil, eher besorgt aus.

Der Kinderarzt war sehr einfühlsam, als er mir den Verdacht auf Trisomie 21 mitteilte. Ich war geschockt und dachte, man hätte sich in der Zimmertür geirrt. Als ich mir Michel aber dann nochmal anschaute, während er so zufrieden in meinem Arm lag, wurde mir klar: sie haben recht. Mein Kind hat das Down Syndrom.

Innerlich brach eine Welt für mich zusammen. Äußerlich war ich zu keiner Regung im Stande. Der Kinderarzt zählte mir die Merkmale auf und ich betrachtete eingehend all diese an meinem Kind. Der Kinderarzt sagte dann: Frau Wefer, es ist absolut in Ordnung, jetzt zu weinen. Aber ich konnte nicht. Der Schock saß zu tief. Jeder erwartet doch erstmal ein gesundes Kind. Fast schon so, als wäre es eine Selbstverständlichkeit.
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Michel mußte dann gleich auf die Intensivstation verlegt werden und ich ging natürlich sofort mit. Ich war wie in Trance. Ich erinnerte mich weder an den Weg dorthin, noch daran, wie sie Michel die Elektroden angeklebt oder ihm Sauerstoff angehängt haben. Mehrere Stunden sind aus meinem Gedächtnis komplett gelöscht. Ich schlief die Nacht über natürlich nicht und es sollte auch noch einige Tage dauern, ehe ich ein Auge zu bekam.

Michel war trinkschwach und benötigte eine Sonde, über die ihm Nahrung zugeführt wurde. Zudem war seine Sauerstoffsättigung nicht in Ordnung und er atmete zu flach. Er verlor einiges an Gewicht und bereitete den Ärzten und uns Sorge.Beim Herzecho fiel ein kleines Loch in der Scheidewand auf, das mittlerweile aber schon fast zugewachsen ist.

Nach 8 Tagen auf der Intensivstation drängte ich die Ärzte dazu, uns nach Hause zu lassen. Ich wußte, das dort alles besser werden würde. Ich konnte diese emotionale Belastung auf der Intensivstation nur noch schwer ertragen. Ich wollte zu meiner Familie. Und was soll ich sagen, es war die allerbeste Entscheidung. Michel legte enorm an Gewicht zu und wurde von Tag zu Tag wacher.

Er hat keine organischen Beeinträchtigungen, bis auf die kleineren Unannehmlichkeiten die das Down Syndrom so mit sich bringt.
Ich bin in der glücklichen Lage ihn voll stillen zu können und er wächst und gedeiht prächtig.
Michel ist ausgeglichen und sehr fröhlich und es ist Balsam für die Seele, sein Kind so glücklich zu sehen.

Natürlich war es ein Höllenritt der Gefühle und anfangs dachte ich, nie wieder glücklich sein zu können, aber ich bin es. Ich bin sehr glücklich und ich liebe Michel aus tiefstem Herzen, so wie jedes meiner Kinder :-)

Wir würden uns jederzeit wieder für unseren Michel entscheiden, sind aber trotzdem froh darüber, vom Down Syndrom nichts in der Schwangerschaft gewußt zu haben. Nicht weil wir uns anders entschieden hätten, sondern einfach weil ich eine schöne und sorglose Schwangerschaft erleben durfte.

Wir haben uns bewußt gegen die Nackenfaltenmessung entschieden und waren uns der eventuellen Konsequenzen bewußt. Wir sind durch ein kleines Tal der Tränen gegangen, aber nun ist es einfach so wunderbar und gar nicht so schwer, wie wir es uns anfangs vorgestellt hatten.

Michel, Du bist großartig und hast Deinen Eltern gezeigt, was im Leben wichtig ist. Es ist so schön, daß Du da bist!